Hunger auf Sand.

Wie Inseln zu Beton werden.

„Wie Sand am Meer“ meint heute noch den puren Überfluss. Noch. Unbemerkt von der öffentlichen Wahrnehmung, hat sich Sand in den letzten Jahren zu einem der knappsten Güter dieser Welt entwickelt. Denn wir brauchen ihn in schwindelerregenden Mengen für die Herstellung von Beton. Eine Geschichte über ein tragisches Verschwinden.

Über das Mittelalter hinaus in Vergessenheit geraten und erst um 1700 wiederentdeckt, wurde der Beton durch ständige Weiterentwicklungen und Verbesserungen zu dem Baustoff unserer Zeit. Seit rund 150 Jahren wird Sand mit Zement zu Beton vermischt und mit Stahl verbaut. Das Ergebnis heißt Stahlbeton und prägt heute unsere gesamte Infrastruktur und das Gesicht unserer Städte.

Die Zwei-Drittel-Wahrheit.

Wie viel Sand?

Stadt, Sand, Überfluss?

Experten schätzen, dass der weltweite Sandverbrauch heute mehr als 15 Milliarden Tonnen pro Jahr beträgt. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) legt da sogar noch was drauf: Es schätzt den globalen Sandabbau pro Jahr auf rund 40 Milliarden Tonnen. Allein in Deutschland wurden im Jahr 2012 235 Millionen Tonnen Sand und Kies gefördert – 95 Prozent davon für die Bauindustrie. Eine irrwitzig hohe Zahl, die unser Vorstellungsvermögen sprengt. Die wir uns aber besser in ihrer ganzen Dimension vorstellen sollten. Denn dieser immense Hunger auf Sand hat seine Folgen.

Alle leicht und kostengünstig zugänglichen Vorkommen sind mittlerweile ausgeschöpft. Und Branchenkenner prognostizieren noch immer einen stetigen Anstieg des Bedarfs. Aber woher kommt der ganze Sand? Nach Ausbaggerung von Flüssen (was verstärktes Hochwasser zur Folge hatte) und Abbau in Sandgruben (was Landschaftsschützer auf den Plan rief) konzentriert man sich nun auf den Meeresboden.

Die Wunden sitzen tief.

Doch auch das Meer spielt nicht mit. Die großen Rüssel der Absaugmaschinen schlucken nicht nur Sand, in ihnen verschwinden auch alle Tiere und Pflanzen, die am Meeresboden leben. Meeresbiologen warnen vor den Auswirkungen. Denn die Bewohner des Meeresgrunds sind wichtiger Teil der nassen Nahrungskette, von der das Überleben vieler Arten abhängt. Aber es gibt noch mehr Wunden, die die Schwimmbagger schlagen: Sandstaubfahnen verbreiten sich kilometerweit um die Abbaustelle, das Sediment lagert sich an anderer Stelle wieder ab und begräbt die dort lebenden Bodenorganismen. In Saudi-Arabien beobachteten Meeresbiologen, wie ein komplettes Riff abstarb, weil durch den Sandabbau fremdes Sediment die Korallen bedeckte. In anderen Regionen ersticken so Algen und Seegräser, beide unerlässlich für die Sicherung des Sauerstoffgehalts. Und auch das hat weitreichende Folgen.

Vom Sediment zum leeren Fischernetz.

Verschlechtern sich die Lebensbedingungen, wandern die Bewohner ab. Weil aber die Kleinstlebewesen die Nahrung für größere Fische bilden, wird auch ihnen die Existenzgrundlage entzogen. Die Folge: Sie verlassen das betroffene Gebiet. Am Ende dieser Kette stehen die Fischer, die mit leeren Netzen zurückkommen und damit das Problem aus den Tiefen des Ozeans mit an Land bringen.

„Es ist ein gefährlicher Irrtum zu glauben, Sand sei eine schnell nachwachsende Ressource. Das ist er nicht.“

Kay-Christian Emeis

Institutsleiter am Helmholtz-Zentrum Geesthacht, Zentrum für Material- und Küstenforschung

Das Meer wehrt sich.

Man schätzt, dass weltweit mehrere Tausend Schwimmbagger auf den Meeren unterwegs sind, um Sand zu fördern – je nach Maschine und Standort kommen so bis zu 400.000 Kubikmeter pro Schwimmbagger zusammen. Täglich. Um zu sehen, wie das Meer auf diese Eingriffe reagiert, muss man nicht bis zur arabischen Halbinsel schauen. Es reicht ein Blick auf unsere heimische Nord- und Ostsee. Geologen an der Universität Kiel beschäftigen sich mit den langfristigen Folgen des Sandabbaus. Und stellen fest: Für die Regenerationsfähigkeit von Küstenregionen scheint es keine Gesetzmäßigkeiten zu geben. Manche regenerieren sich, manche nicht. Doch was für Auswirkungen haben diese Löcher am Meeresboden? Wie versucht das Meer, seine Wunden zu heilen?

Wird Sand entfernt, entsteht eine natürliche Reaktion aus dem Zusammenspiel aus Strömungen, Wellen und Gravitation. Der umliegende Sand wird so in Bewegung gesetzt, um die entstandenen Löcher wieder aufzuspülen. Dabei wird aber auch Sand von den Stränden weggeschwemmt. Mit anderen Worten: Der Sandabbau hat dramatische Auswirkungen auf nahe gelegene Küsten und Inseln. Er verändert die Küstenlinie und kann im schlimmsten Fall eine ganze Insel verschwinden lassen.

Sandraub wird Strandraub.

Sand gehört heute zu den begehrtesten Ressourcen der modernen Welt. Und er weckt in viel zu vielen Fällen kriminelle Energie. Man schätzt, dass bis heute bereits 40 bis 45 Prozent des weltweiten Sandaufkommens gestohlen wurden. Unterbezahlte Arbeiter, die so ihr Existenzminimum sichern wollen, plündern Eimer für Eimer die Strände leer, um skrupellose Bauunternehmer zu beliefern. Zurück bleibt, wie etwa in Marokko geschehen, das blanke Gestein. Damit ist eine Regeneration so gut wie unmöglich – es fehlt schlicht der Sand, der für eine Rückspülung ins Meer nötig wäre.

Wenn wir so weitermachen, könnten Strände, so wie wir sie heute kennen, am Ende des 21. Jahrhunderts nur noch in der Erinnerung existieren. Es wird Zeit, umzudenken und nach Alternativen zu suchen. Nach Alternativen zu unserem Umgang mit endlichen Ressourcen und nach Alternativen zu dem Baustoff, der diesen Hunger nach Sand verursacht hat. Mit Holz haben wir ihn bereits gefunden.

„Wenn die Leute verstehen, was auf dem Spiel steht, wie wichtig jedes einzelne Sandkorn an unseren Stränden ist und welche Bedeutung der Strand für unser Leben und das Allgemeinwesen hat, dann besteht Hoffnung.“

Gary Griggs

Meeresforscher an der Universität Santa Cruz in Kalifornien

Quellen:
www.handelsblatt.com: „Raubbau an einem wichtigen Rohstoff – Sand wird zur Schmuggelware“
ARTE: „Sand – Die neue Umweltkatastrophe.“

Bildnachweise:
tkphotography/123RF
mrcocoa/123RF